Ausflug ins Blaue

Ein kontrastreiches Programm: Das bescherte der Förderverein Reckersche aktiv e.V. seinen Ausflugsgästen am vergangenen 1. Oktober. Während die rundum heitere Fahrt die Teilnehmer zunächst zu „Maria Ruh“ und anderen Sehenswürdigkeiten brachte, endete der Tag mit einer bösen Überraschung: Beim Abendessen wurde die fröhliche Schar vom leibhaftigen Schinderhannes und seinem Julchen in Angst und Schrecken versetzt. „Maria hilf!“ gehörte sicherlich zu den harmloseren Flüchen entsetzter Reckershausener...

„Wo sinn ma dann lo?“ raunten einige immer noch ahnungslose Teilnehmer, als der Bus nach einer 40-minütigen Fahrt mitten in der Pampa anhielt und ganz offenbar sein Ziel erreicht hatte. Doch außer Bäumen war hier nichts, einmal abgesehen von einem verlassenen, weinroten Transporter auf einem der abzweigenden Waldwege.

Bis jetzt hatte keiner der ‚ausgeflogenen’ Gäste auch nur die leiseste Ahnung, was ihn an diesem Tag erwarten würde. “Reckersche aktiv e.V.” hatte – zum Dank für das große Engagement bei der Dorferneuerung - in einer ‘mittelscharfen’ Einladung zum sonnigen, sorglosen Nachmittag geladen, das genaue Ziel jedoch bis zum Schluss geheim gehalten.

Als die 22 Teilnehmer also mitten im Wald zum Aussteigen verdonnert wurden, hielt sich die Begeisterung in Grenzen. Die versprochene Sonne kämpfte noch mit den Wolken, und der Waldfleck hier verhieß nicht unbedingt einen netten Nachmittag.

Plötzlich rumpelte es vom Waldweg her. So einsam war der Transporter offenbar nicht gewesen, denn ein freundlicher Herr stieg aus und zog eine Kiste Weinfläschchen aus dem Laderaum. Er sei der Winzer Karl Burg, besser bekannt als „Pitt“ aus dem Film Heimat, erzählte er ungefragt. Gekommen sei er zum einen, um den Reckerschern die Oberweseler Berge zu zeigen. Zum anderen, um deren Durst zu stillen. Mit letzterem begann er sogleich: Zuerst verteilte er Weingläser, dann füllte er sie mit einem seiner Rieslinge. Als Begrüßungsgeschenk gab es noch ein Fläschchen des edlen Rebensaftes dazu.

Gut gestärkt und mit Lunch-Paketen gerüstet ging es nun los in luftige Höhen. Die Weinwanderung führte durch Wingerte, Wiesen und Waldstücke, stets mit herrlicher Aussicht auf den zu Füßen liegenden Vater Rhein. Nur einige Meter nach dem Startpunkt, mitten im Wald gelegen, erreichten die Wanderer den auf 412 Höhenmetern gelegenen „Spitzen Stein“ – einen ehemaligen Telegrafenpunkt aus dem 19. Jahrhundert. Von hier aus reichte die Sicht bis hin zum Pfalzgrafenstein über den als romantischsten Abschnitt geltenden Teil des Flusses.

In Wingerten, Wiesen und Wald wandern

Schon an der zweiten Station „Maria Ruh“ lachte nun auch die Sonne in schönster Spätsommer-Manier. Die Heiterkeit der Truppe stand ihr – dem spritzigen Begrüßungs-Riesling sei dank – jedoch in nichts nach. Karl Burg wartete natürlich schon mit dem nächsten guten Tropfen aus seinem Weinkeller, diesmal einem Dornfelder. Er erzählte nicht nur Interessantes rund um das Getränk, sondern gab auch allerlei über die Landschaft und den neu geschaffenen Aussichtpunkt gegenüber der Loreley zum Besten.

Fortan trafen die Wanderer spätestens alle halbe Stunde Karl Burg mit seinem Transporter an der Wegstrecke. Immer mit einer neuen Geschichte und natürlich einer weiteren Kostprobe seiner Weine. Besonders spannend und amüsant waren die Erzählungen Burgs zur Rolle seines Lebens: dem „Pitt“ in Heimat 3. Sein Auftritt in der Endfassung des Films ist zwar nicht sonderlich groß, die Erlebnisse des Laienschauspielers im Gefolge von Edgar Reitz umso mehr. Am Günderode-Haus, einem Originalschauplatz aus Heimat 3, erzählte der charismatische Winzer seinen Gästen die besten Anekdoten von den Dreharbeiten. Und nach den vorangegangenen fünf bis sechs Weinproben erwiesen sich die Reckershausener als sehr dankbare und heitere Zuhörer.

Nach der entspannenden Rast bei Kaffee und Kuchen im Hof des „Heimat-Hauses“ ging es nun – diesmal jedoch per Bus - zur nächsten Attraktion des Nachmittags: der mittelalterlichen Schönburg. Auf den romantischen Burgmauern genoss man in der Abendsonne noch ein letztes Mal die herrliche Aussicht auf den Rhein und die Stadt Oberwesel. Und natürlich ein Schlückchen Wein…

Schrecklicher Überfall bei Schwenkbraten und Schmalzbrot

Doch von schönen Aussichten und guten Weine waren selbst die härtesten Teilnehmer nun gesättigt. Magen und Mensch knurrten nach einem handfesten Abendmahl. Gut, dass das Lokal von Karl Burg nur „um die Ecke“ lag; bei Oberwesel-Dellhofen. Hier wartete ein deftiges Hunsrücker Abendessen, bestehend aus Schwenkbraten, Salaten und Schmalzbrot.

Der letzte Bissen davon war bei vielen noch nicht verschlungen, als mit einem Teufelsgetöse das Lokal von der Terrasse her gestürmt wurde. Schüsse fielen, Stühle wurden umgeworfen und ein fieser Lumpenhund sprang drohend auf einen der Gästetische. „Ich bin der Schinderhannes“ schrie der Verbrecher und gab einen weiteren Schuss ab. Sein Julchen und noch eine hübsche Gefolgsmännin, die er ebenfalls mitgebracht hatte, waren nicht weniger laut. Zu dritt hielt das Räuberpack die armen Gäste in Schach. Sie stahlen Schmuck, pöbelten unschuldige Leute an, und fesselten sogar den braven Dietmar Schüler.

Gottseidank konnte der berühmte Bösewicht bald davon überzeugt werden, dass die Reckerscher fleißige und rechtschaffende Leute sind. Das besänftige den berühmten Räuberhauptmann und er ließ sich erweichen, dieses Mal die Beute wieder zurückzugeben. Sogar der arme Dietmar wurde von seinem schweren Joch befreit und blieb von drohender Folter und Knechtschaft verschont. Alle kamen mit dem Schreck in den Gliedern davon und tranken abschließend zur Beruhigung noch ein Gläschen Wein…